Natur auf der Ruine Schenkenberg

Von Beat Stöckli
 
 

Der Schlossgarten, versunken für immer ?

Zügeln kann schwer fallen. Im Jahre 1699 war der Wildegger Junker Bernhard von Effinger zum Obervogt des Amtes Schenkenberg gewählt worden. Mit seiner Frau Barbara von Salis, aufgewachsen in Soglio im südlichen Bergell, bezog er nun den zugewiesenen Amtssitz. Doch wer würde leichten Herzens das prächtige Schloss Wildegg mit der lotterigen Burg zuhinterst im Schenkenbergertal vertauschen, das grandiose Gartenparterre im französischen Stil mit dem kümmerlichen Burggarten und seinen scharrenden Hühnern? Zum Glück hatte bereits ein Vorgänger den Felsgrat östlich der Burg etwas verbreitern, mit Trockenmauern beidseits flankieren und mit einem kleinen Pavillon versehen lassen, so dass sich wenigstens dort in Ruhe spazieren und gegen den Talausgang hin träumen liess.

Einen Gärtner leistete sich der Vogt nicht. So wuchs und blühte im Garten das, was den Bewohnerinnen nützlich war: Beerenobst, Gewürzkräuter und Suppengrün, daneben Maiglöckchen, Seidelbast, Silberblatt, Immergrün, Wohlriechendes Veilchen. Wie froh war Frau Barbara um die duftenden Sträusschen, wenn es, wie allzu oft, in der Burg und von den Abfallhaufen her erbärmlich stank.

Nach 20 Jahren hatten auch die Gnädigen Herren zu Bern die Nase voll: Schenkenberg wurde aufgegeben. Wer heute durch den ehemaligen Garten geht, trifft auf Schutt und Gestrüpp. Doch was blüht dort am Mauerfuss, am Rand des Gestrüpps, oben am Ostgrat? Viola odorata, das Wohlriechende Veilchen, sogar in einer weissen Varietät, und Vinca minor, das Immergrün. Sie können den ganzen Hügel absuchen; Sie finden sie nur dort, bei der Ruine.

Amseln und Eiben

Was uns tot erscheint, das füllen Tiere und Pflanzen mit Leben. Aus der südlichen Ringmauer wächst eine Eibe; auf ihrem armdicken Stammfuss hat eine Amsel ihr Nest plaziert. Sie sitzt im Schlaraffenland: Amseln, auch kleinere Vögel und selbst Marder fressen die Beeren der Eibe mit Vorliebe. Wenn im Oktober die alten Bäume auf der Nordseite des Schenkenberg mit ihren saftig roten Früchten locken, dann wird dort ausgiebig gepickt und gerupft. Mit vollen Schnäbeln und Mägen geht's dann hinüber auf die Südseite, aufs warme, übersichtliche Ruinengemäuer. Hier wird geruht, Unverdauliches fallen gelassen, ausgewürgt oder mit dem Kot abgesetzt. Da wundert es kaum, dass überall an den Mauern, meist oben zwischen Farnen, Eiben jeder Grösse zu finden sind. Sie stammen aus den Samen, die zusammen mit den Nahrungsresten vom Regen in eine Spalte, eine Mauerfuge gespült wurden und dort liegen blieben. Die Samen würden natürlich auch sonst im Wald keimen; am meisten unter den Eibenbäumen selbst. Aber dort stehen die Rehe geradezu Schlange, um sich ihren Leckerbissen, das zarte Eibengrün, einzuverleiben. Oben an den Mauern hingegen, weit weg von gefrässigen Mäulern, sind die jungen Triebe sicher. Gefahr droht ihnen nur vom Denkmalschützer, der besorgt das Dickenwachstum der Wurzeln in seinem restaurierten Mauerwerk verfolgt.

...und neues Leben blüht aus den Ruinen...

Mühe bereiten ihm auch die überwucherten Ruinenschutthalden, wo alles durcheinander liegt: Mauersteine, zerbrochene Ziegel, Mörtel, verrottete Holzreste, Erde und vermodertes Laub. Während die dünne Humusschicht über den abschüssigen Felsplatten das Regenwasser kaum zu halten vermag, bleibt tief in diesem nährstoffreichen Durcheinander immer genügend Feuchtigkeit zurück. Das könnten viele Pflanzen nutzen, wären da nicht diese dauernden Setzungen, dieses kaum merkliche Rutschen, der Steinschlag.

So halten sich hier bevorzugt Arten, deren Wurzeln und unterirdischen Sprosse tief hinab reichen, die gar mitwandern können; deren Stämme Rindenverletzungen aushalten oder, falls sie umstürzen, problemlos wieder ausschlagen. Das Schöllkraut mit seinem orangeroten Saft, Gemeiner Beifuss, Brennesseln, Schwarzer Holunder, Sal-Weiden, Robinien: Was hier so wuchert, ist Ruderalflur im wahren Sinn. In diesem Wort steckt nämlich das lateinische rúdera, was eingestürztes Gemäuer bedeutet. Wir haben es also mit ganz typischer Ruinenvegetation zu tun, so typisch wie die Eiben und Farne an den Mauern, wie die Duftveilchen und das Immergrün. Ihr Vorkommen bestätigt, dass die Schenkenberg nicht nur in baulicher, sondern auch in pflanzlicher Hinsicht als Ruinengelände mit wirklich klassischem Charakter bezeichnet werden darf.
 
 

Beat Stöckli ist Sachbearbeiter "Ruine Schenkenberg" bei der Schoggitaler-Werkstatt "Mauern im Schenkenbergertal".
Last updated: 1999/08/06

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