Baugeschichte der Ruine Schenkenberg

Von Beat Stöckli
 
 

Ein Landvogt seufzt.

Jakobi 1572. In der Amtsstube auf Schloss Schenkenberg diktiert der bernische Landvogt seinem Schreiber den Geschäftsbericht, den er wie jedes Jahr den Gnädigen Herren in Bern abzuliefern hat: .. die muren, so nider gefallen gsin by dem schloss und beide muren des garten mit sampt dem portal am thor und das thor zerschlagen, das ich hab muessen mit sträbpfileren underfaren, ouch die alten muren abzubrächen und ein gut pfülment [Fundament] zesuchen und die stein zebrechen, dan die alten Stein unden zu den zwöyen muren brucht worden, ouch oben mit stemmen blatten deckt und gar nüw gemacht ... Immer wieder diese kostspieligen Renovationen! Der Schreiber blättert zurück. 1569, 1556 .. als meister Barth der murer z Schintznacht bym schloss selb vyert [zu viert] dryssig und zween tag die mur, so nider gefallen, wider gemachet, ouch das schloss und zynnen teckt und gebessert ..

Den nachfolgenden Landvögten ging es nicht anders; auch 1581, 1589, 1596 mussten eingestürzte Mauern neu aufgerichtet werden. 1606 gab die Hofmauer oberhalb des Gartens zu tun: ufzuerichten und mit schifersteinen blatten zedecken und zuerbesseren .. und 1608 die Mauer am grossen Schlossturm, die gar bös ful und gespalten war. Im selben Jahr liess der Landvogt zudem eine gedeckte Wendeltreppe an die Ostwand des Schlosses anbauen, einen schnägen mit 74 tritten von Mägenwyler gesteins mit sampt thür gestellen und fenstern glyches gesteins .. Beauftragt mit dieser Arbeit war Anthoni Barthiel uss Meylander gepiets, so jetzt und uf gefallen myner gn. hrn. [gnädigen herren] zue Dalheim zue einem burger angenommen ..

Hauptrogenstein und Muschelkalk

Schloss Schenkenberg war offenbar ein dauernder Sanierungsfall, eine ewige Baustelle. Aus den Rapporten der Landvögte erfahren wir, dass bei den Bauarbeiten der örtlich anstehende Kalkstein, ein sogenannter Hauptrogenstein, verwendet wurde, der im Halsgraben östlich des Schlosses und vermutlich auch an einer Felsstufe westlich davon gebrochen wurde. Der Hauptrogenstein verdankt seinen Namen den zahllosen, gut sichtbaren kleinen Kalkkörnern, die an Fischeier, eben Fischrogen, erinnern. Wie im Halsgraben gut zu sehen, ist der Stein dünnbankig gelagert; unter dem Mikroskop zeigt er sich relativ porös und mit Tonhäuten durchzogen, was ihn etwas frostanfällig und schlecht formbar macht. Wetterfest und formfreudig hingegen ist der Muschelkalkstein aus den Steinbrüchen bei Mägenwil, der für stark beanspruchte und behauene Bauteile wie Fensterstürze oder Treppenstufen seit jeher geschätzt wurde. Allein 220 fuhren von Mägenwyl her stellte der in Thalheim eingebürgerte Mailänder Maurer Antonio Bartiello dem Landvogt in Rechnung, als 1608 jener Treppenturm auf der Schenkenberg gebaut wurde. Auch als das Schloss zur Ruine verkam, blieben die behauenen Muschelkalksteine begehrt. Im Ruinenschutt oder in den renovierten Ruinenmauern ist kaum ein Stück zu finden; an den alten Bauernhäusern von Thalheim hingegen dürften etliche der sozusagen recyklierten Steine aus Mägenwil aufzuspüren sein.

Ein fester Fels?

Lag's an Erdbeben, etwa jenem von 1589, oder am mangelnden Unterhalt infolge bernischer Sparprogramme, lag's am ungeeigneten Hauptrogenstein oder am heiklen Standort, dass die Schenkenberg als Lotterburg galt? Ein Spaziergang zur Ruine zeigt immerhin, wie schwierig eine gute Fundierung in diesen abschüssigen, mit gut 500 gegen Süden fallenden Schichten war. Wer die geologische Karte dabei hat, bemerkt zudem, dass die Ruine mit ihrer näheren Umgebung im Bereich von oberflächlich stark zerrüttetem Fels liegt: ein problematischer Baugrund. Und wohin sickerte das Wasser der Zisterne, die ständig Umtriebe und Ausgaben verursachte? In die Mauerfundamente? Nur eines ist gewiss: Wenn heute an der Ruine wieder geflickt werden muss, setzt sich jene leidige Baugeschichte fort, die zu dieser Burg gehört wie das Gelbe zum Ei.

(Alle Zitate stammen aus der ausführlichen Arbeit von Walther Merz, die 1906 in der Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde erschien.)

Beat Stöckli ist Sachbearbeiter "Ruine Schenkenberg" bei der Schoggitaler-Werkstatt "Mauern im Schenkenbergertal".
Last updated: 1999/08/06

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